Prolog

Es waren viele Tausend Menschen, die sich durch die große Westfalenhalle bewegten. Der Krieg war kaum 20 Jahre vorbei alle zwei Jahre fuhren wir zum Waldenburger Treffen nach Dortmund. Meine Eltern hielten neugierig Ausschau, Blicke trafen sich, es folgte ein „Hallo“ und herzliche Begrüßungen, man erzählte sich freudig, tauschte Neuigkeiten aus, ging weiter …und gleich darauf wiederholte sich das Ganze von vorne. Im Laufe eines Tage wurde mir so ca. hundertmal über den Kopf gestreichelt. Über all dem waberte eine eigentümliche Stimmung, irgendwie schienen doch alle darauf zu warten, dass es nun bald wieder zurück in die Heimat nach Schlesien geht.


In den 70zigern fuhr ich das letzte Mal mit nach Dortmund zum „Treffen“. Meine Haare wurden länger und ich durfte auch schon mal ein Bier trinken. Mit Willy Brandt‘ s Kniefall in Warschau und den Ostverträgen war ein neues Zeitalter angebrochen. Die Stimmungslage änderte sich. Aus Sicht der Linken waren Vertriebenenverbände ein Tummelplatz von Reaktionären und ewig Gestrigen. Die Erkenntnis von der Einzigartigkeit der NS Verbrechen ließ anderes Unrecht verblassen. In meiner Rebellion (zu meinem Vater) identifizierte ich mich stark mit dieser Denkweise. Die Sehnsucht meiner Eltern, Großeltern, Tanten und Onkels nach den Wurzeln der Heimat, sei es auch nur für einen kurzen Besuch, wurde erstickt durch die Realität des Eisernen Vorhangs.

 

 


Das Waldenburger Treffen gibt es schon lange nicht mehr. Siebzig Jahre nach Kriegsende werden die Schlesier, die und deren Vorfahren seit Jahrhunderten in dieser Region gelebt hatten, immer weniger. Damit verschwinden Stück für Stück die Spuren, Verbindungen, Geschichten, Erinnerungen und Mythen zu diesem Siedlungs- und Kulturraum.